Zurück zur Stille

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Ein Wochenende in der Rhön – über das leise Wiederfinden des eigenen Rhythmus

Warum dieses Wochenende

Wir wissen alle, wie heilsam es sein kann, zwischendurch einmal Abstand zu gewinnen – aber oft gelingt es gerade uns, die das wissen, am schlechtesten. Zwischen Arbeit, Verantwortung und den vielen kleinen Terminen des Alltags wird Stille leicht zu etwas, das man „später“ plant. Dieses Wochenende war ein Versuch, es anders zu machen.

Ankommen im Häuschen

Samstagvormittag gehört noch der Arbeit. Danach der Wechsel: raus aus der Stadt, hinein in die Rhön – gemeinsame Zeit nur mit meiner Freundin in ihrem kleinen Häuschen, das sie mir schon seit zwei, drei Jahren zeigen wollte und wofür ich mir nie die Zeit genommen habe. Beim Ankommen merke ich, wie das Tempo von selbst sinkt und die Wahrnehmung sich weitet.

Sonnenlicht, Schritte, Funde

Am Nachmittag zeigt sich die Gegend von ihrer freundlichsten Seite: klares Licht, ruhige Wege, Waldduft. Wir lassen uns treiben und entdecken die ersten Steinpilze. Für mich ist das genau die richtige Brücke vom Denken ins Wahrnehmen – schauen, riechen, tasten, ohne Eile.

Wanderung: Atem, Austausch, Ankommen

Der Sonntag startet ausnahmsweise mit einem kräftigen Frühstück. Danach schnüren wir die Schuhe für eine vier- bis fünfstündige Wanderung. Das Gehen übernimmt die Taktung. Wir sprechen über Leichtes und Wichtiges – und lassen ebenso Stille zu. Ich bemerke, wie der Atem tiefer wird und der innere Kommentar leiser.

Waldrand-Glück

Auf dem Rückweg hält meine Freundin am Waldrand. „Hier, die Wiese“, sagt sie, „ich wette, da stehen welche.“ Ich steige aus, gehe ein paar Schritte, und tatsächlich – ein Steinpilz, dann noch einer. Innerhalb kurzer Zeit ist der Korb voll. Es ist einer dieser unerwarteten Glücksmomente, die sich nicht planen lassen: einfach, unmittelbar, fast kindlich. Ich nenne es innerlich „Dopamin pur“.

Was solche Kurzfluchten bewirken können

Kurze Auszeiten fern der Stadt reduzieren die Reizdichte und bringen den Körper zurück in einen ruhigeren Grundrhythmus: Atmung und Muskeltonus regulieren sich, die Wahrnehmung weitet sich. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus von Problemen hin zu Sinneseindrücken; das schafft kognitive Distanz und öffnet den Blick für neue Perspektiven. Auch Beziehung profitiert: Nähe entsteht ohne Leistungsdruck, Gespräche dürfen leicht sein, und ebenso trägt das gemeinsame Schweigen. Es ist kein Neuanfang, sondern eine Feinjustierung, die den Wochenbeginn spürbar entlastet.

Zwei Sätze, die bleiben

Regelmäßigkeit schlägt Intensität. Und: Rausgehen hilft fast immer.

Über Selbstfürsorge – oder warum kleine Dinge zählen

Dieser Gedanke begleitet mich seit meiner Rückkehr: Selbstfürsorge bedeutet nicht, sich möglichst große Pausen zu gönnen, sondern sich regelmäßig kleine Momente der Regeneration zu erlauben.
Viele Menschen verbinden Erholung mit besonderen Ereignissen: Urlaub, Wellness-Wochenende, ein freier Tag. Doch das Nervensystem denkt nicht in Kalenderwochen, sondern in Rhythmen. Es braucht Wiederholung, nicht Ausnahmezustand.

In der Praxis erlebe ich häufig, wie schwer es fällt, solche kleinen Inseln wirklich zuzulassen. Wir planen sie, aber wir „verdienen“ sie uns nicht. Dabei wäre es genau andersherum: Erst durch die alltägliche Selbstfürsorge entsteht die Kraft, die Intensives überhaupt möglich macht.

Ein kurzer Spaziergang, ein Atemzug am offenen Fenster, eine bewusste Mahlzeit, ein Nachmittag im Wald – das alles sind Mikroformen der Regulation. Sie wirken nicht spektakulär, aber sie bauen sich wie leise Schichten auf, aus denen Stabilität entsteht.

Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Sie ist ein psychisches Grundbedürfnis – so selbstverständlich wie Essen, Schlafen oder Atmen. Wer regelmäßig auftankt, muss nicht so oft zusammenbrechen 🙂

Hinweis:
Dieser Beitrag möchte zur Selbstreflexion und bewussten Selbstfürsorge anregen. Er ersetzt keine psychologische Behandlung oder persönliche Beratung. Wenn Sie merken, dass bestimmte Themen emotional stärker berühren oder belasten, kann es hilfreich sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.