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Mein Handy ist tot. Und plötzlich habe ich Gefühle.

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Digital detox

Ein unfreiwilliger Digital Detox über Handynutzung, Smartphone-Gewohnheiten, Langeweile – und die überraschende Frage, ob ich überhaupt noch ein neues Handy brauche.

Gestern Abend ist etwas passiert, das in unserer modernen Welt vermutlich irgendwo zwischen „kleine technische Panne“ und „existenzielle Krise“ einzuordnen ist:

Mein Handy hat sich verabschiedet. Einfach so.

Kein dramatischer Abschiedsbrief. Kein „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“. Nicht einmal ein letzter Prozentpunkt Akku, an den ich mich emotional hätte klammern können.

Schwarz. Tot.

Und ich? Stand plötzlich da. Mit mir selbst.

Was, wie sich herausstellte, erschreckend ungewohnt ist.

Phase 1: Verleugnung – wenn das Smartphone plötzlich nicht mehr funktioniert

Natürlich war mein erster Gedanke nicht: „Ach, wie schön, jetzt habe ich einen handyfreien Abend.“

Mein erster Gedanke war: Das kann nicht sein!

Also drückte ich auf sämtliche Knöpfe. Kurz. Lang. Gleichzeitig. Mit Ladekabel. Ohne Ladekabel. Mit einem anderen Ladekabel, denn vielleicht hatte ja nicht mein Handy ein Problem, sondern selbstverständlich das Kabel.

Psychologisch betrachtet: klassische Verleugnung.

Technisch betrachtet: Ich drückte etwa 47-mal auf denselben Knopf und erwartete jedes Mal ein anderes Ergebnis.

Phase 2: Plötzlich merke ich meine eigene Handynutzung

Nach ungefähr drei Minuten bemerkte ich etwas Interessantes. Ich wollte auf mein Handy schauen. Nicht weil ich etwas Bestimmtes nachsehen musste.

Ich wollte einfach … schauen. Ob jemand geschrieben hat. Wie spät es ist. Wie das Wetter morgen wird.

Ob irgendwo auf der Welt gerade ein Mensch ein lustiges Video mit einem Hund hochgeladen hat, dessen Kenntnis für mein weiteres Leben unerlässlich sein könnte.

Und plötzlich wurde mir bewusst, wie oft meine Hand offenbar völlig selbstständig Richtung Handy wandert.

Mein Gehirn: „Vielleicht gibt es etwas Neues!“ Ich: „Das Handy ist kaputt.“

Mein Gehirn, acht Sekunden später: „Okay. Aber vielleicht gibt es JETZT etwas Neues.“

Da sitzt man dann und erkennt: Interessant. Offenbar habe ich einen kleinen Spielautomaten in meiner Hosentasche getragen.

Warum unsere Handynutzung so schnell zur Gewohnheit wird

Unser Smartphone ist psychologisch ziemlich clever. Eine Nachricht kann kommen. Oder auch nicht.

Ein Like. Eine Mail. Eine Schlagzeile. Eine lustige Nachricht. Eine völlig irrelevante Nachricht.

Genau diese Unvorhersehbarkeit macht das Nachschauen so reizvoll. Unser Belohnungssystem liebt Überraschungen.

Vielleicht passiert etwas Spannendes.

Also schauen wir nach. Und noch einmal. Und noch einmal.

Nicht unbedingt, weil wir „handysüchtig“ sind, sondern weil unser Gehirn sehr schnell gelernt hat:

Handy anschauen = möglicherweise kleine Belohnung.

Das Problem ist nur: Aus „Ich schaue kurz nach“ wird erstaunlich schnell ein Reflex.

Warten an der Ampel? Handy.

Zwei Minuten vor einem Termin? Handy.

Werbung im Fernsehen? Handy.

Jemand geht kurz zur Toilette und lässt uns am Tisch allein?

HANDY.

Bloß keine 38 Sekunden unbeaufsichtigtes Dasein.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus bewusster Smartphone-Nutzung eine Gewohnheit wird: Wir entscheiden gar nicht jedes Mal neu, ob wir das Handy wirklich brauchen. Wir greifen einfach danach.

Phase 3: Phantom-Handy und automatische Gewohnheiten

Besonders interessant wurde es, als ich gefühlt mein nicht funktionierendes Handy suchen wollte.

Obwohl ich wusste, dass es da lag. Kaputt.

Mein Gehirn hatte diese Information offenbar nicht vollständig akzeptiert.

Fast so, als hätte ein Teil von mir gedacht: „Vielleicht funktioniert es jetzt wieder, wenn wir einfach noch einmal nachsehen.“

In der Psychologie gibt es tatsächlich Phänomene wie Phantom-Vibrationen: Menschen glauben, ihr Smartphone habe vibriert, obwohl gar nichts passiert ist.

Unser Gehirn hat sich so sehr an diese kleinen Signale gewöhnt, dass es sie manchmal gleich selbst produziert. Danke, Gehirn. Sehr hilfreich.

Phase 4: Digital Detox wider Willen – plötzlich war da Zeit

Und dann geschah etwas geradezu Verstörendes. Es wurde ruhig. Keine Nachrichten. Keine Push-Meldungen. Kein „nur mal kurz Instagram“. Kein Nachrichtenlesen, das plötzlich über einen Artikel über Weltpolitik zu einem Video über einen Mann führt, der in Japan Miniatur-Pfannkuchen für Hamster backt.

Einfach nichts. Und plötzlich war da etwas, das ich fast vergessen hatte:

Langeweile.

Dieses seltsame Zwischengefühl, das wir heute oft innerhalb von Sekunden wegwischen.

Und ehrlich gesagt: Zuerst fühlte es sich unangenehm an. Ich war unruhig. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Fast so, als würde irgendwo das Leben stattfinden und ich hätte versehentlich den Ausgang aus dem Internet genommen.

Mein unfreiwilliger Digital Detox begann also nicht mit tiefer Entspannung und innerem Frieden. Sondern mit dem ziemlich deutlichen Wunsch, mein Handy zurückzubekommen.

Und dann wurde es interessant

Nach einer Weile änderte sich etwas.

Ich hörte meine Gedanken wieder länger als drei Sekunden am Stück. Ich machte Dinge, ohne zwischendurch zu kontrollieren, ob jemand etwas von mir wollte. Ich bemerkte, wie oft ich normalerweise kleine Pausen sofort mit Bildschirm fülle.

Und vielleicht liegt genau darin eines unserer heutigen Probleme mit der Handynutzung. Wir haben kaum noch Leerlauf.

Dabei ist Leerlauf psychologisch gar nicht unbedingt schlecht.

In diesen Momenten sortieren wir Gedanken. Uns fallen Dinge ein. Wir träumen vor uns hin. Wir erinnern uns. Wir langweilen uns.

Und manchmal entsteht genau daraus Kreativität.

Nur fühlt sich dieser Zustand inzwischen fast ungewohnt an.

Handy-Entzug: Was passiert, wenn das Smartphone plötzlich fehlt?

Natürlich ist ein Abend ohne Smartphone nicht automatisch ein klinischer „Entzug“.

Aber einige Reaktionen können sich erstaunlich ähnlich anfühlen:

Unruhe. Der automatische Griff zum Gerät. Das Gefühl, etwas zu verpassen. Der Wunsch, „nur ganz kurz“ nachzusehen. Vielleicht sogar Gereiztheit.

Und genau das finde ich spannend.

Denn erst wenn etwas nicht mehr verfügbar ist, merken wir manchmal, welchen Platz es in unserem Alltag eingenommen hat.

Solange das Handy funktioniert, denkt man: „Ich benutze es halt.“ Wenn es plötzlich weg ist, merkt man: Oh. Vielleicht benutzt es mich gelegentlich auch ein bisschen.

Das Handy ist dabei nicht der Feind

Dabei möchte ich das Smartphone auch gar nicht verteufeln. Es ist praktisch – sehr sogar. Ich nutze es gern, weil es vieles einfacher macht: Navigation, Fotos, Nachrichten, Musik, Informationen, Termine, Notizen. Alles an einem Ort, jederzeit griffbereit.

Aber „lieben“ würde ich mein Handy deshalb nicht. Dafür gibt es andere Dinge.

Einen Wald zum Beispiel. Stille. Einen Weg, auf dem niemand etwas von mir will. Einen Moment, in dem nichts aufleuchtet, piept oder meine Aufmerksamkeit einfordert.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Das Handy ist ein großartiges Werkzeug. Nur ist es ein Werkzeug, das erstaunlich schnell vom Rand unseres Lebens in dessen Mitte rutschen kann.

Und vielleicht geht es bei bewusster Handynutzung gar nicht darum, weniger digital und dafür möglichst romantisch analog zu leben. Sondern darum, wieder selbst zu entscheiden, wann das Smartphone praktisch ist – und wann es einfach mal still in der Tasche bleiben darf.

Denn die Stille kann etwas, was kein Smartphone kann:

Sie verlangt nichts von mir.

Vier Wochen ohne neues Smartphone – mein persönliches Experiment

Heute habe ich beschlossen, erstaunlicherweise gar nichts zu überstürzen.

Ich werde mir vier Wochen Zeit geben, bevor ich entscheide, ob ich überhaupt ein neues Handy brauche – und wenn ja, welches.

Vielleicht werde ich beruflich künftig sogar ganz darauf verzichten. Allein dieser Gedanke fühlt sich gerade überraschend gut an.

Für den Übergang habe ich ein altes Handy ausgegraben. Eines von der Sorte, das genau das kann, was Telefone ursprünglich einmal konnten:

Anrufe. SMS. Fertig.

Keine Nachrichtenflut, keine Apps, kein „Ich schaue nur ganz kurz“. Und natürlich auch keine spontane Recherche danach, was irgendein Mensch, den ich seit 20 Jahren nicht gesehen habe, heute zum Frühstück hatte.

Ich lasse mir Zeit.

Vielleicht ist genau das gerade das Interessanteste an diesem unfreiwilligen Experiment: nicht sofort Ersatz zu beschaffen, nicht sofort die entstandene Lücke zu schließen. Sondern sie erst einmal da sein zu lassen.

Fast wie nach einer vergangenen Liebesgeschichte.

Nicht sofort etwas Neues suchen. Nicht jede freie Minute füllen. Nicht panisch überlegen, womit man die entstandene Leerstelle möglichst schnell wieder besetzen kann.

Erst einmal aushalten, dass da plötzlich etwas fehlt.

Und irgendwann feststellen: Vielleicht fehlt gar nicht alles. Vielleicht fehlen nur bestimmte Gewohnheiten. Und manches vermisst man überraschend wenig.

Die Stille. Die Langeweile. Die Momente, in denen die Hand noch automatisch nach etwas greifen möchte, das gar nicht mehr da ist.

Und dann zu schauen, was passiert.

Vielleicht kaufe ich mir in vier Wochen ein neues Smartphone. Vielleicht auch nicht. Vielleicht merke ich bis dahin, dass ich einiges daran vermisse.

Und vielleicht merke ich bei anderen Dingen, dass ich sie erstaunlich wenig vermisse.

Im Moment gefällt mir jedenfalls der Gedanke, diese Entscheidung nicht aus Gewohnheit zu treffen. Sondern irgendwann ganz bewusst.

Bis dahin bin ich erreichbar.

Per Anruf. Oder SMS. Wie damals.

Fast schon revolutionär.