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Die Illusion der perfekten Elternschaft – warum gute Eltern Fehler machen dürfen

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Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Ein schöner und zutiefst verständlicher Wunsch. Doch genau dieser Wunsch kann irgendwann zur Belastung werden.

Was, wenn ich etwas falsch mache? Was, wenn meine Entscheidung meinem Kind später schadet? Bin ich geduldig genug, konsequent genug, liebevoll genug? Fördere ich zu viel – oder zu wenig?

Aus verantwortungsvoller Elternschaft kann so beinahe unbemerkt der Anspruch entstehen, perfekte Eltern sein zu müssen.

In meiner Arbeit begegnet mir diese Verunsicherung immer wieder. Eltern und werdende Eltern möchten es besonders gut machen – und verlieren dabei manchmal das Vertrauen darin, dass Familie und Beziehung nicht nach einem perfekten Plan funktionieren müssen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, über etwas zu sprechen, das in all den Ratgebern über gute Elternschaft manchmal ein wenig zu kurz kommt:

Fehler.

Und darüber, warum Kinder möglicherweise keine perfekten Eltern brauchen.

Eltern werden in einer Welt voller Ratschläge

Kaum ist ein Kind unterwegs, beginnt für viele Eltern ein erstaunliches Unterfangen: Sie möchten es richtig machen.

Nein – eigentlich möchten sie es sehr richtig machen.

Welche Geburt ist die beste? Stillen oder Flasche? Familienbett oder eigenes Bett? Tragen oder Kinderwagen? Wie viel Nähe braucht ein Kind? Wie viel Autonomie? Wann beginnt Fremdbetreuung? Welche Kita? Wie viel Förderung? Wie viel Bildschirmzeit?

Und was genau passiert eigentlich mit der kindlichen Psyche, wenn Mama an einem Dienstagmorgen genervt sagt:

„Zieh jetzt bitte ENDLICH deine Schuhe an!“

Elternschaft war vermutlich nie einfach. Aber vielleicht war sie noch nie von so viel Wissen begleitet wie heute.

Wir lesen über Bindung und Entwicklung, hören Podcasts, folgen Fachleuten und Elternaccounts in sozialen Medien und informieren uns über nahezu jede Entscheidung.

Das alles kann wunderbar und hilfreich sein.

Es kann aber auch etwas anderes bewirken:

Angst, etwas falsch zu machen.

Wenn aus Verantwortung Perfektionismus wird

Es ist gut, dass wir heute genauer hinschauen. Dass Kinder mit ihren Bedürfnissen ernster genommen werden. Dass wir mehr über Bindung, emotionale Entwicklung und psychische Gesundheit wissen.

Auch vieles, was früher mit einem lapidaren „Das hat uns schließlich auch nicht geschadet“ abgetan wurde, betrachten wir heute differenzierter.

Das ist ein Fortschritt.

Schwierig wird es dort, wo aus dem Wunsch, verantwortungsvoll mit einem Kind umzugehen, die Vorstellung entsteht, jede einzelne elterliche Entscheidung könne über dessen späteres Lebensglück bestimmen.

Dann wird Elternschaft schnell zum Hochleistungsprojekt.

Das Kind soll sicher gebunden, emotional kompetent, selbstbewusst, resilient, empathisch und selbstverständlich glücklich werden.

Und irgendwo dazwischen sollen die Eltern bitte geduldig, zugewandt, konsequent, bedürfnisorientiert und entspannt bleiben.

Am besten ausgeschlafen.

Man ahnt bereits das Problem.

Warum gute Eltern Fehler machen dürfen

Eltern sind Menschen.

Sie sind manchmal müde. Ungeduldig. Ungerecht. Überfordert.

Sie verstehen ihr Kind falsch. Sie reagieren zu heftig oder zu wenig. Sie sagen Dinge, die sie später bereuen. Und sie treffen Entscheidungen, von denen sie Jahre später denken:

Das würde ich heute anders machen.

Das gehört zum Menschsein – und deshalb auch zum Elternsein.

Die entscheidende Frage lautet vielleicht weniger:

„Wie verhindere ich, dass ich Fehler mache?“

Sondern:

„Wie gehe ich damit um, wenn ich einen gemacht habe?“

Denn eine lebendige Fehlerkultur innerhalb einer Familie kann für Kinder etwas sehr Wertvolles sein.

Eltern dürfen sagen:

„Das war gerade nicht fair von mir.“

„Es tut mir leid.“

„Ich war überfordert.“

„Du warst nicht schuld daran.“

„Lass uns noch einmal anfangen.“

Ein Kind erlebt dadurch etwas, das ihm später im Leben möglicherweise mehr hilft als die Illusion fehlerfreier Eltern:

Beziehungen müssen nicht perfekt sein, um tragfähig zu sein.

Menschen können sich missverstehen und wieder aufeinander zugehen.

Man kann Verantwortung übernehmen.

Man kann sich entschuldigen.

Und man darf Fehler machen, ohne selbst ein Fehler zu sein.

Elternschaft darf auch leicht sein

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Elternschaft unter der Last all dessen, was wir inzwischen darüber wissen, ein wenig ihre Leichtigkeit verloren hat.

Nicht jede schlechte Laune eines Kindes braucht eine tiefenpsychologische Analyse.

Nicht jeder Streit beschädigt die Bindung.

Und nicht jede elterliche Fehlentscheidung wird zwanzig Jahre später auf einer therapeutischen Couch aufgearbeitet werden müssen.

Manchmal ist ein genervter Vater einfach ein genervter Vater.

Manchmal ist eine Mutter müde.

Und manchmal ist ein Vierjähriger deshalb außer sich, weil sein Brot in zwei Hälften geschnitten wurde, obwohl es selbstverständlich auf gar keinen Fall in zwei Hälften geschnitten werden durfte.

Nicht jedes Drama braucht eine Diagnose.

Manches braucht Verständnis.

Manches braucht Geduld.

Und manches vielleicht einfach ein bisschen Humor.

Humor ist keine schlechte Erziehungsmethode

Humor kann im Familienleben eine erstaunliche Ressource sein.

Nicht als Auslachen und nicht, um die Gefühle eines Kindes kleinzureden. Sondern als Fähigkeit, die Absurdität des Familienalltags gelegentlich liebevoll zu betrachten.

Denn Familie ist nicht nur Bindungsarbeit und Entwicklungsbegleitung.

Familie ist auch Chaos.

Krümel im Bett.

Eine verschwundene Socke drei Minuten vor Schulbeginn.

Streit über Zähneputzen.

Liebe.

Erschöpfung.

Versöhnung.

Und die Erkenntnis, dass der sorgfältig vorbereitete pädagogische Plan gelegentlich daran scheitert, dass alle Beteiligten Hunger haben.

Vielleicht müssen wir nicht jede Situation optimal lösen.

Vielleicht dürfen wir manche auch einfach überleben – und später gemeinsam darüber lachen.

Unsere Kinder werden ihre eigene Erinnerung an uns haben

Vielleicht gehört zu den unangenehmsten Wahrheiten des Elternseins:

Wir können nicht bestimmen, wie unsere Kinder ihre Kindheit später einmal erzählen werden.

Wir können ihnen eine liebevolle Kindheit ermöglichen – und trotzdem werden sie Situationen erinnern, in denen sie sich nicht verstanden fühlten.

Vielleicht werden sie Entscheidungen von uns kritisieren.

Vielleicht werden sie eines Tages sagen:

„Das hat mir damals wehgetan.“

Das kann für Eltern schwer auszuhalten sein.

Aber auch das gehört zur Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern.

Denn Liebe garantiert keine identischen Erinnerungen.

Eltern können sagen:

„Ich habe damals mein Bestes versucht.“

Und das erwachsene Kind kann gleichzeitig sagen:

„Für mich war es trotzdem schwierig.“

Beides kann wahr sein.

Nicht alle Fehler von Eltern sind harmlos

Bei aller Entlastung ist mir eine Unterscheidung wichtig.

Es gibt einen Unterschied zwischen normalen menschlichen Fehlern und Erfahrungen wie dauerhafter Abwertung, emotionaler Vernachlässigung, Gewalt oder anderen schweren Grenzverletzungen.

Leichtigkeit darf niemals bedeuten, Verletzungen kleinzureden.

Und Vergebung ist keine Pflicht.

Manche Menschen müssen sich im Erwachsenenalter sehr ernsthaft mit dem auseinandersetzen, was ihnen in ihrer Kindheit widerfahren ist.

Doch auch in weniger dramatischen Familiengeschichten trägt wahrscheinlich fast jeder von uns Erinnerungen in sich, bei denen wir uns gewünscht hätten, unsere Eltern hätten anders gehandelt.

Vielleicht ist auch das ein Teil des Erwachsenwerdens.

Im Erwachsenenalter gehört unsere Geschichte zunehmend uns

Als Kinder sind wir abhängig von den Menschen, die uns begleiten. Wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen und haben nur begrenzten Einfluss darauf, was in unserer Familie geschieht.

Als Erwachsene verändert sich etwas.

Unsere Vergangenheit bleibt Teil unserer Geschichte. Sie verschwindet nicht, nur weil wir älter werden.

Aber sie muss auch nicht für immer die alleinige Erklärung dafür bleiben, wie wir heute leben.

Irgendwann dürfen – und manchmal müssen – wir uns fragen:

Was davon möchte ich verstehen?

Was möchte ich betrauern?

Was möchte ich meinen Eltern zurückgeben?

Was möchte ich anders machen?

Was möchte ich meinen eigenen Kindern nicht weitergeben?

Und was möchte ich vielleicht irgendwann einfach ruhen lassen?

Erwachsenwerden bedeutet nicht, dass Verletzungen aus der Kindheit plötzlich bedeutungslos werden.

Es bedeutet aber, zunehmend Verantwortung dafür übernehmen zu können, wie wir heute mit unserer Geschichte umgehen.

Unsere Eltern tragen Verantwortung für das, was sie getan oder unterlassen haben.

Wir tragen als Erwachsene Verantwortung dafür, was wir aus dem machen, was uns mitgegeben wurde.

Das eine hebt das andere nicht auf.

Kindern etwas zutrauen heißt auch, ihnen Selbstvertrauen zuzutrauen

Vielleicht liegt genau darin auch ein wichtiger Gedanke für Eltern:

Wir dürfen unseren Kindern zutrauen, mit dem Leben umgehen zu lernen.

Wir müssen ihnen nicht jede Enttäuschung ersparen, nicht jedes Hindernis aus dem Weg räumen und nicht dafür sorgen, dass ihre Kindheit ausschließlich aus guten Erfahrungen besteht.

Das könnten wir ohnehin nicht.

Kinder dürfen erleben, dass etwas nicht gelingt. Dass Menschen sie enttäuschen. Dass Mama und Papa nicht immer alles richtig machen. Dass das Leben manchmal ungerecht ist und Gefühle manchmal schwer auszuhalten sind.

Entscheidend ist, dass sie damit nicht grundsätzlich allein gelassen werden.

Denn zwischen

„Ich erspare dir jede Schwierigkeit“

und

„Du musst damit allein klarkommen“

gibt es einen wichtigen Raum:

„Ich bin da. Und ich traue dir zu, dass du das schaffen kannst.“

Vielleicht entsteht Selbstvertrauen genau dort.

Nicht aus der Erfahrung, dass immer jemand alle Schwierigkeiten für mich beseitigt, sondern aus der Erfahrung:

Ich kann etwas bewältigen.

Ich darf Fehler machen.

Ich kann enttäuscht sein und mich wieder fangen.

Ich kann um Hilfe bitten.

Und ich kann mir selbst zunehmend vertrauen.

Das bedeutet natürlich nicht, Kinder bewusst Schwierigkeiten auszusetzen oder ihnen Unterstützung vorzuenthalten.

Es bedeutet etwas anderes: ihnen nicht vorschnell die Erfahrung abzunehmen, etwas selbst bewältigen zu können.

Denn wenn wir unseren Kindern permanent vermitteln:

Pass auf, das kannst du noch nicht.

Das mache lieber ich.

Ich kläre das für dich.

Ich sorge dafür, dass dir das nicht passiert.

… dann kann hinter all unserer Fürsorge unbeabsichtigt auch eine andere Botschaft ankommen:

„Allein schaffst du es wahrscheinlich nicht.“

Dabei möchten wir doch eigentlich das Gegenteil vermitteln.

Eltern müssen ihren Kindern deshalb nicht nur Sicherheit geben.

Sie dürfen ihnen auch etwas zutrauen.

Vielleicht ist auch das eine Form von Liebe:

ein Kind nicht vor dem ganzen Leben bewahren zu wollen, sondern ihm nach und nach das Vertrauen mitzugeben, dass es diesem Leben gewachsen sein kann.

Gute Eltern müssen nicht perfekt sein

Alle Eltern machen Fehler.

Manche wenige, manche viele. Manche kleine und manche leider sehr große.

Es wird keine Kindheit ohne Enttäuschungen geben. Keine Familie ohne Konflikte. Und wahrscheinlich keine Eltern, über die ein erwachsenes Kind irgendwann nicht mindestens eine Geschichte erzählen könnte, bei der die Eltern energisch einwerfen würden:

„Also SO war das nun wirklich nicht!“

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, unseren Kindern eine perfekte Kindheit ermöglichen zu wollen.

Vielleicht brauchen Kinder etwas anderes.

Menschen, die sie lieben.

Menschen, die ihnen zuhören.

Menschen, die Grenzen setzen.

Menschen, die Fehler erkennen und Verantwortung dafür übernehmen können.

Menschen, die sich entschuldigen.

Menschen, die ihnen etwas zutrauen.

Und Menschen, mit denen man trotz allem auch lachen kann.

Unsere Kinder werden nicht unbeschadet durchs Leben gehen. Das können wir ihnen nicht versprechen.

Und vielleicht sollte das auch gar nicht unser Ziel sein.

Unser Ziel könnte vielmehr sein, ihnen genügend Sicherheit, Liebe und Vertrauen mitzugeben, damit sie lernen können, mit den unvermeidlichen Unebenheiten des Lebens umzugehen.

Dazu gehört vielleicht auch die Erfahrung:

Meine Eltern sind nicht perfekt.

Andere Menschen sind nicht perfekt.

Ich selbst muss nicht perfekt sein.

Ich werde Fehler machen, enttäuscht werden, scheitern und manchmal falsche Entscheidungen treffen.

Und trotzdem kann ich meinen Weg finden.

Vielleicht ist das am Ende eine der wichtigsten Lektionen, die Eltern ihren Kindern vorleben können:

Nicht, wie man alles richtig macht.

Sondern wie man damit lebt, dass niemand es kann.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das wir unseren Kindern mit keinem noch so perfekten Erziehungskonzept schenken können:

Vertrauen in das eigene Leben.