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Am vergangenen Wochenende habe ich Salsa getanzt.
Oder, um es etwas präziser zu formulieren: Ich habe versucht, Salsa zu tanzen.
Zwischen beidem liegt bekanntlich ein gewisser Unterschied.
Es begann mit Zahlen.
Eins, zwei, drei.
Fünf, sechs, sieben.
Die Vier, so lernte ich, hat beim Salsa offenbar frei. (und die Acht fällt auch aus 🙂 )
Alle anderen schienen mit dieser Information erstaunlich gelassen umzugehen. Ich dagegen war zunächst vor allem damit beschäftigt, herauszufinden, welchem meiner Füße ich noch vertrauen konnte.
Und dann passiert beim Tanzen etwas Merkwürdiges: Während der Kopf noch rechnet, ist der Körper längst unterwegs.
Vielleicht mochte ich genau das.
Denn wir verbringen viel Zeit damit, unser Leben zu verstehen. Wir analysieren, planen, wägen ab. Wir überlegen, warum wir etwas fühlen, was etwas bedeutet und was als Nächstes zu tun wäre.
Beim Tanzen funktioniert das nur begrenzt.
Irgendwann muss man den Fuß setzen.
Auch wenn man sich nicht ganz sicher ist.
Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Tanzen unserer Psyche so guttun kann.
Tanzen und Psyche: zwischen Kontrolle und Loslassen
Ein Tanzkurs ist ein erstaunlich guter Ort, um sich selbst zu begegnen.
Nicht unbedingt in seinen glamourösesten Seiten.
Man erfährt zum Beispiel recht schnell, wie man darauf reagiert, etwas nicht sofort zu können.
Manche lachen.
Manche üben verbissen.
Manche schauen kurz auf die Füße der anderen und entwickeln innerhalb weniger Sekunden eine Theorie darüber, warum es bei allen außer ihnen mühelos aussieht.
Auch das Bedürfnis nach Kontrolle bekommt beim Tanzen eine kleine Bühne.
Ich kann überlegen, planen und mich konzentrieren – und trotzdem führt mich mein Gegenüber plötzlich in eine Drehung, die offenbar nicht mit meinem inneren Ablaufplan abgestimmt wurde.
Dann bleiben im Grunde zwei Möglichkeiten:
festhalten oder mitgehen.
Vielleicht kennen wir diese Wahl auch aus anderen Bereichen des Lebens.
Es gibt Situationen, in denen Kontrolle Sicherheit gibt. Und andere, in denen sie uns eher daran hindert, uns auf etwas einzulassen.
Tanzen macht diesen Unterschied körperlich spürbar.
Warum Tanzen Körper und Psyche guttut
Wir behandeln unseren Körper im Alltag manchmal wie einen zuverlässigen Mitarbeiter, dessen Anwesenheit wir erst bemerken, wenn etwas nicht funktioniert.
Er soll tragen, sitzen, schlafen, funktionieren.
Beim Tanzen bekommt er plötzlich wieder eine Stimme.
Man spürt Gewicht, Spannung, Gleichgewicht. Man merkt, wie nah oder fern sich ein anderer Mensch anfühlt. Man muss hören, schauen, reagieren.
Und für eine Weile gibt es kaum Platz für die hundert kleinen Gedanken, die sonst gern gleichzeitig durch den Kopf laufen.
Nicht weil sie gelöst wären.
Sondern weil gerade etwas anderes wichtiger ist.
Der nächste Schritt zum Beispiel.
Das hat etwas ungemein Entlastendes.
Psychisches Erleben findet schließlich nicht nur zwischen unseren Ohren statt. Stress verändert unsere Haltung und unseren Atem. Freude richtet uns auf. Angst macht uns eng. Sicherheit lässt uns manchmal tatsächlich ein wenig mehr Raum einnehmen.
Bewegung kann helfen, Stress abzubauen, die Stimmung zu beeinflussen und uns wieder stärker mit unserem Körper in Kontakt zu bringen. Beim Tanzen kommen Musik, Rhythmus, Koordination und oft auch soziale Begegnung hinzu.
Vielleicht tut Tanzen Körper und Psyche auch deshalb gut: weil der Körper nicht nur das Transportmittel unseres Denkens ist.
Er gehört zu unserem Erleben.
Tanzen, Nähe und Vertrauen
Besonders interessant wurde es für mich dort, wo Salsa zum Paartanz wurde.
Führen und geführt werden klingt zunächst sehr eindeutig.
Ist es aber nicht.
Gute Führung hat erstaunlich wenig mit Durchsetzen zu tun. Sie braucht Klarheit, aber auch Wahrnehmung. Der andere Mensch muss noch Platz haben, sich zu bewegen.
Und geführt zu werden bedeutet wiederum nicht, passiv zu werden.
Man bleibt aufmerksam. Man reagiert. Man behält den eigenen Stand.
Eigentlich eine hübsche kleine Lektion über Beziehungen.
Vielleicht sogar darüber, wie Nähe überhaupt funktioniert:
Ich muss bei mir bleiben können, um mich auf jemand anderen einzulassen.
Und ich muss den anderen wahrnehmen können, ohne ihn vollständig kontrollieren zu wollen.
Keine schlechte Erkenntnis für einen Samstagnachmittag.
Gemeinschaft entsteht manchmal im falschen Schritt
Was mir außerdem gefallen hat, war diese merkwürdige Vertrautheit, die entstehen kann, wenn eine Gruppe von Menschen gemeinsam etwas Neues lernt.
Man kennt sich kaum.
Und doch teilt man plötzlich sehr intime Informationen.
Zum Beispiel die Tatsache, dass man links und rechts unter leichtem Zeitdruck nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann.
Es wird gelacht, ausprobiert, verwechselt und noch einmal begonnen.
Für eine Weile spielen Beruf, Alter, Status und all die üblichen Kategorien eine erstaunlich kleine Rolle.
Alle versuchen einfach, gemeinsam im Takt zu bleiben.
Vielleicht liegt darin ein Teil der Freude am Tanzen.
Rhythmus verbindet.
Musik verbindet.
Gemeinsames Lernen verbindet.
Und gemeinsames Scheitern vermutlich mindestens genauso sehr.
Gerade deshalb kann Tanzen auch ein starkes Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit schaffen – etwas, das für unser psychisches Wohlbefinden kaum zu unterschätzen ist.
Tanzen als Lebensfreude – ohne Leistungsnachweis
Vielleicht hat mich an diesem Wochenende aber etwas anderes am meisten beschäftigt.
Wie selten Erwachsene Dinge tun, ohne gut darin sein zu müssen.
Kinder dürfen malen, obwohl kein Museum auf ihre Werke wartet. Sie singen, ohne über ihre Stimmlage nachzudenken. Sie springen, drehen sich, rennen und tanzen, weil ihr Körper ihnen gerade sagt, dass er sich bewegen möchte.
Als Erwachsene werden wir etwas zielorientierter.
Wenn wir laufen, messen wir Kilometer.
Wenn wir meditieren, möchten wir gelassener werden.
Wenn wir einen Kurs besuchen, wäre es schön, anschließend etwas vorweisen zu können.
Dabei gibt es Tätigkeiten, deren Sinn vielleicht darin besteht, dass wir sie tun.
Tanzen gehört für mich dazu.
Natürlich ist Bewegung gesund. Sie kann Stress reduzieren, die Stimmung verbessern, Koordination fördern und soziale Verbindung schaffen.
Aber vielleicht muss Lebensfreude nicht immer noch zusätzlich ihre Nützlichkeit beweisen.
Vielleicht darf sie gelegentlich einfach Lebensfreude sein.
Was man beim Tanzen über sich selbst lernen kann
Am Ende meines Salsa-Wochenendes konnte ich einige Schritte besser als zu Beginn.
Andere nicht.
Ich habe gelernt, dass man gleichzeitig hochkonzentriert sein und sehr viel lachen kann.
Dass ein Fehler den Tanz selten beendet.
Dass man nach einem falschen Schritt meistens einfach den nächsten macht.
Dass Loslassen manchmal schwieriger ist als eine Drehung.
Und dass es erstaunlich angenehm sein kann, für ein paar Stunden nicht darüber nachzudenken, ob man etwas richtig macht, sondern nur darüber, ob man noch ungefähr im Rhythmus ist.
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mir am besten gefällt.
Wir verlieren im Leben immer wieder einmal den Takt.
Wir verpassen einen Einsatz, verstehen ein Zeichen falsch oder treten jemandem auf die Füße.
Das muss nicht heißen, dass der Tanz vorbei ist.
Manchmal reicht es, kurz hinzuhören.
Und weiterzumachen.
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